Warum ich Orgasmen vorspiel(t)e ...


Ich bin mir sicher, dass ich mit diesem Beitrag nicht bei jedem auf Verständnis treffen werde; das macht aber nichts! Wenn dich meine Einstellung an irgendeiner Stelle triggern sollte, obliegt es dir, dich dieser Emotion bloß auszuliefern oder dich selbst zu reflektieren und zu hinterfragen, warum du so reagierst. Du hast jederzeit die Möglichkeit, das "X" anzuklicken und schon verschwinden meine Worte aus deiner Realität. ;-)


Wann fing ich an, den Höhepunkt vorzutäuschen?

Direkt bei meiner ersten intimen Erfahrung. Als mein erster Freund mich oral befriedigt hat. Da war ich 17 Jahre alt.


Was veranlasste mich dazu?

Ich habe gespürt, dass er mich nicht oral befriedigt hat, damit ich mich entspannen und es einfach so genießen kann. Er hat auf meinen Höhepunkt hingearbeitet. Mein Orgasmus war das Ziel. Das erschuf unterschwellig den Druck, kommen zu müssen, damit er sich hinterher nicht enttäuscht oder unzulänglich fühlt. Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, sein Selbstwertgefühl zu schmälern. Immerhin war es ebenso seine erste Erfahrung ... Und die geistige Reife hatte mein Ex mit seinen damals 16 Jahren noch nicht, es nicht persönlich zu nehmen. Mit meinen 17 Jahren fehlte mir das nötige Bewusstsein und ebenso die nötige Reife, ihm zu erklären, wieso, weshalb, warum ... Ich wusste es zu dem Zeitpunkt nicht.


Ein paar Jahre später habe ich ihm gebeichtet, dass ich kein einziges Mal zum Orgasmus gekommen bin. Natürlich war er mächtig enttäuscht, was mich nur darin bestätigte, dass er sein Selbstwertgefühl davon abhängig gemacht hat, mich zum Orgasmus bringen zu können.

Ich hegte die Hoffnung, dass sich unser Sex verändern würde, wenn er das weiß. Ich dachte, ich könnte den Akt mehr genießen, wenn es nicht mehr um den Höhepunkt geht. Aber in der Hinsicht hat sich im Bewusstsein nichts verändert. Es ging trotzdem um dieses Ziel ... Er hatte Sex mit mir, um seinen sexuellen Trieb zu befriedigen.


Eine Zeit lang hatte ich den Gedanken, asexuell zu sein, da ich beim Geschlechtsakt so wenig empfand. Ich war wirklich Meilenweit davon entfernt, zum Orgasmus zu kommen. Beim Masturbieren hatte ich hingegen nie Probleme. Ich empfand Selbstbefriedigung, rein körperlich gesehen, wesentlich intensiver als Sex.

Dass es an meinem Freund liegt, habe ich nie in Erwägung gezogen. Und es lag auch nie an ihm. Es lag nicht daran, dass er technisch nichts drauf hatte ...

Es lag schlichtweg daran, dass zwischen uns keine bedingungslose Liebe herrschte und unsere sexuelle Einstellung nicht harmonierte. Und es lag an mir.


Weil ich schlichtweg zu sehr daran gewöhnt bin, mich selbst anzufassen. Ich berühre mich schon so lange selbst ... da konnte ich noch nicht einmal bewusst denken. Für mich war es immer eine Selbstverständlichkeit, zu masturbieren. Demnach kann ich mich nicht einmal mehr an meinen ersten Orgasmus erinnern.

Dass das das eigentliche Hindernis ist, habe ich mir erst Erfahrungen später zusammengereimt. Selbst wenn ich entspannt war, kam ich nicht über den Punkt.


In den ersten Jahren hat mich das sehr beschäftigt, warum ich durch den körperlichen Einsatz der Männer nicht zum Höhepunkt komme. Ich habe wirklich einiges versucht ...

Ich habe sogar versucht, mal keinen Orgasmus vorzuspielen, aber das gelang mir meist nicht. Für mich war es einfach von vornherein entspannter, mit jemandem zu schlafen, wenn ich vortäusche. Das hat mir persönlich den Druck genommen. Und da es beim Sex ja nicht darum geht, Leistung zu erbringen, sondern, oberflächlich ausgedrückt, Spaß zu haben, habe ich es auch nicht als sinnvoll erachtet, hinterher aufzudecken, dass der Orgasmus Fake war. Für mich war es eine Win-Win-Situation. Der Typ hatte seinen Spaß und musste sich hinterher nicht fragen, woran es denn bloß gelegen hat, und ich konnte entspannt meine Erfahrungen machen.

Ich meine ... Ganz ehrlich: Wenn ich einen Orgasmus will, besorg ichs mir selbst. Dafür muss ich nicht mit einem Mann Sex haben.

Und ich habe nichts davon, wenn ein Mann seine Fähigkeiten als Liebhaber infrage stellt. Mein Ziel war es zumindest nie, dass sich der andere hinterher schlecht fühlt ... Und da die Erfahrungen nach meinem Ex alle außerhalb einer festen Beziehung stattgefunden haben, hatte ich auch keine Lust, das zum Gesprächsthema zu machen.


Eines Tages entschloss ich mich dann doch dazu, wirklich keine Orgasmen mehr vorzuspielen. Das ging aber so was von nach hinten los!

Ich hielt es für schlau, vorher anzusprechen, dass ich nicht zum Höhepunkt kommen kann. Und ich dachte, derjenige besäße die Reife, das nicht als Herausforderung anzunehmen. Immerhin war dieser Mann 50 Jahre alt. Ich muss immer noch darüber lachen, wenn ich daran zurückdenke.

Er war so fest davon überzeugt, dass er der Erste sein wird, der mich zum Orgasmus bringt! So was von überzeugt! Na ja ... Was soll ich sagen. Er hat sich so bemüht ... und oh Wunder! Ich bekam nach sage und schreibe fünf Minuten meinen ersten Orgasmus, ausgelöst durch einen Penis! Denkt er bis heute.

Ich habe extra nicht lange mit dem Täuschungsmanöver gewartet, weil ich wissen wollte, ob er ernsthaft so naiv ist, mir das abzukaufen. Hätte ich noch etwas länger abgewartet, wäre es definitiv authentischer und realistischer gewesen.

Aber so sind Menschen: Sie glauben, was sie glauben wollen.


Mir hat diese Erfahrung gezeigt, dass ich darüber gar nicht sprechen brauche. Zumindest nicht mit Männern, die den Geschlechtsakt mit Orgasmen verbinden. Die ihr Ego durch den weiblichen Orgasmus streicheln. Die es brauchen, sich hinterher wie ein Held zu fühlen. Die am liebsten fragen würden "War ich gut?". Die lautes Stöhnen einer Frau mit intensiver Lust gleichsetzen; wenn sie leise ist, hat es ihr nicht gefallen ...

Aber das ist ein anderes Thema.


Heute würde ich mit Männern, die diese Einstellung hegen, auch nicht mehr intim werden wollen. Nicht, weil sie weniger wert sind! Das meine ich nicht. Wenn man Spaß an Orgasmen hat, ist das wunderbar. Wenn man ein toller Hecht sein will und die Bestätigung braucht, go for it! Es passt dann einfach nicht.


Während dieser Zeit habe ich herausgefunden, dass ich demisexuell bin. Meine Erregungskurve bleibt nur beständig, wenn ich eine emotionale Bindung zu jemandem habe und wenn dieser Mensch mit mir schläft, weil er mir nah sein möchte. In dem Moment, wo sich jemand an mir bloß körperlich befriedigen möchte, flacht meine Erregungskurve sehr schnell ab. Das ist der Grund, weshalb ich beim Sex mit meinem ersten Freund kaum etwas empfunden habe.


Ich weiß, dass es Männer gibt, die nicht wollen, dass man ihnen einen Höhepunkt vortäuscht. Jedoch ist das mein Körper und ich kann damit machen, was ich will. Wenn mir danach ist, laut zu stöhnen, ohne dass die Lust dafür verantwortlich ist, mache ich das. Wenn ich mehrere Orgasmen hintereinander vortäusche, weil ich Spaß daran habe, mache ich das. Mein Körper. Ich entscheide.

Mir wäre es zumindest absolut egal, würde ein Mann einen Orgasmus vorspielen. Ich wäre nicht gekränkt, weil ich mein Selbstwertgefühl nicht von meinen Fähigkeiten als Liebhaberin abhängig mache. Für mich ist Sex kein Leistungssport, bei dem ich mich beweisen muss. Alles, was ich tue, tue ich nicht aus der Lust heraus und schon gar nicht, um den anderen zum Orgasmus zu bringen. Ich handle aus Liebe. Ich berühre aus Liebe.

Und entweder, der/die andere spürt und genießt das, oder eben nicht.


Als mein aktueller Partner zu mir sagte, dass wir den Liebesakt nicht mit seinem Höhepunkt beenden müssen, bekam ich einen emotionalen Orgasmus. Wow. Das war für mich ein Magicmoment. Manch einer mag jetzt vielleicht denken, was für Männer ich bloß vorher kennengelernt hatte ... Aber für mich war das echt eine Premiere, dass der Sex ohne den männlichen Orgasmus beendet wird. Es geht also auch anders. Ich bin unglaublich dankbar, dass ich die Erfahrung machen darf, dass jemand meine sexuelle Einstellung teilt. Ich fühle mich angekommen und erfüllt.


Ich schließe nicht aus, niemals wieder vorzutäuschen, denn für mich hatte es in jeglicher Hinsicht positive Effekte. Nicht nur, dass es mir den Druck nahm und ich mich viel besser entspannen konnte, es war immer ein kleiner Kick. Natürlich auch körperlich, aber vor allem emotional. Mir gefiel es, mit meiner Täuschung zu überzeugen. Das schenkte meiner Dominanz Erfüllung und gleichzeitig blieb ja immer die Option, aufzufliegen. Ich hätte es echt gefeiert, hätte einer der Männer innegehalten, mich angeschaut und mit einem Lächeln gesagt: Mir kannst du nichts vormachen. Ich meine: Hey, wie sexy ist das denn?! Gute Szene für mein nächstes Buch ;-P


Ein weiterer positiver Effekt, dass mich nie ein Mann zum Höhepunkt bringen konnte, ist für mich, dass ich vielleicht nicht die Einstellung entwickelt hätte, die ich heute habe.

Möglicherweise wäre ein Orgasmus beim Sex ein Muss für mich geworden, wäre ich in meiner ersten Beziehung oder auch in der Zeit danach beim GV gekommen, und hätte die Männer demnach nach ihrer erbrachten Leistung bewertet.

Ich bin froh, dass ein Orgasmus für mich nichts wert ist. Für mich ist er schlichtweg eine körperliche Reaktion. Nicht mehr und nicht weniger.

Dadurch, dass mein Fokus nicht darauf liegt, ist mehr Raum für das Gefühl von wahrer Intimität und Verbundenheit. Und das schwingt wesentlich länger nach als jeglicher Orgasmus.







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