Männlich, 29 Jahre, Jungfrau. Das Interview!



In der heutigen Gesellschaft scheint es etwas Außergewöhnliches zu sein, nicht schon in der Teenagerzeit seine Jungfräulichkeit verloren zu haben ...

Deshalb bin ich Thomas (Name wurde verändert) sehr dankbar, dass er sich bereit erklärt hat, meine Fragen bezüglich dieser Tatsache so offen und ehrlich zu beantworten. Vielen herzlichen Dank und meinen Respekt an dieser Stelle noch mal, dass du deine Gedanken mit uns teilst!

Hallo,

ich bin Thomas, bin 29 Jahre alt und lebe seit einigen Jahren in Hamburg. Nach dem Abi war ich an der Uni, habe studiert und anschließend hier in Hamburg einen interessanten Job gefunden. Ich bin ein fröhlicher und offener Mensch, unternehme und reise viel mit meinen Freunden. Ich bin ständig unterwegs und liebe es neue Menschen kennenzulernen und interessante Gespräche zu führen. Ich bin sportlich und bewege mich gerne draußen an der frischen Luft, besser noch in der Natur. Soweit so gut, magst du jetzt denken, das unterscheidet sich kaum bis gar nicht von meinem Leben. Aber eine Sache gibt es, die uns wahrscheinlich doch unterscheidet: Ich bin 29 Jahre alt und immer noch Jungfrau! Ich kann mir vorstellen, was jetzt in deinem Kopfkino vorgehen mag: Du denkst vermutlich an einen unsportlichen, pickligen Mann, der in Schlabberhose zu Hause an der Playstation festklebt und Frauen lediglich in der U-Bahn gezwungenermaßen näher kommt als einen Meter. Das ist aber nicht der Fall. Wie oben beschrieben, bin ich ein offener und auch nicht völlig unattraktiver Mensch, der selbstständig und offen durchs Leben geht. Und dennoch habe ich bislang noch nie Sex mit einer Frau gehabt. Falls dich meine Gedanken und Einstellung interessieren, lade ich dich gerne ein, das folgende Interview zu lesen. Wenn das dazu beiträgt, dass unsere Gesellschaft auch nur ein klein wenig toleranter wird gegenüber Menschen, die etwas gegen den Strom schwimmen und elementare Dinge des Heranwachsens anders machen als die Meisten, dann würde mich das freuen.

1. Frage

Jungfrau zu sein hat Vor- und Nachteile. Ich persönlich wäre manchmal gerne wieder Jungfrau, weil die Vorstellung davon, wie Sex ist, doch mehr Reiz auf mich ausübte als der Sex in der Realität dann mit sich brachte. Ich empfand das erste Mal dann doch eher als ernüchternd. Die Gefühle, die ich mir vorher ausgemalt hatte, blieben aus.

Wie ist das bei dir? Welche Vor- und Nachteile siehst du darin, Jungfrau zu sein?

Einen wirklichen Vorteil kann ich darin eigentlich nicht erkennen. Wenn überhaupt, wäre es wohl der Punkt den du in der Frage angesprochen hast: Dass ich mir dadurch eine gewisse Neugier beibehalte, eine gewisse Vorfreude auf etwas Schönes, Unbekanntes. Diese kindliche Einstellung, dass da noch was kommt in meinem Leben, das ich noch nicht kenne. Aber ich bin kein Träumer. Ich glaube, dass Sex im Allgemeinen überbewertet wird und dass „das erste Mal“ meine Welt nicht aus den Angeln reißen wird. Was ich – da ich ein emotionaler und tugendhafter Mensch bin – eventuell auch noch als Vorteil verbuchen würde, ist dieses Gefühl der Reinheit. Dass ich mich und meine Intimität nicht an die Erstbeste verschenkt habe. Damit mache ich mich selbst zu etwas Besonderem in unserer Generation. Ich betone dabei „besonders“, nicht besser und nicht schlechter!

Nachteile gibt es natürlich auch. Im Großen und Ganzen folgt aus der Tatsache, dass ich noch nie eine feste Freundin und noch nie Sex hatte eine gewisse Unsicherheit. Darauf werde ich in Frage 3, 6 und 7 näher eingehen.

2. Frage

Gehst du generell offen damit um oder wissen Freunde und Familie nicht davon? Wenn doch, hast du stark mit Vorurteilen zu kämpfen oder wird es ganz neutral zur Kenntnis genommen oder sogar als etwas Positives angesehen?

Ich glaube, wenn ich wirklich Niemandem davon erzählen könnte, dann wäre das schon sehr belastend für mich. Ich habe ein paar wenige wirklich gute Freunde mit denen ich darüber spreche, weil diese Freunde mich schon seit langem als den Menschen kennen und sehen der ich bin. Die Tatsache, dass ich diese eine Sache anders handhabe als der große Rest unserer Gesellschaft, stört diese Freunde nicht. Teilweise können sie mich verstehen und sprechen mir ihren Respekt dafür aus. Denn es erfordert schon eine Menge Geduld und Mäßigung. Auf der anderen Seite, raten sie mir aber auch, das nicht noch länger vor mir herzuschieben, da sie befürchten, ich könne in Zukunft sehr bereuen so viel verpasst zu haben.

Von diesen guten Freunden abgesehen, gehe ich aber nicht sonderlich offen damit um, nein. Viele Freunde und meine Familie wissen natürlich, dass ich Langzeit-Single bin. Aber nicht, dass ich tatsächlich noch nie Sex hatte. Mit dem Großteil davon möchte ich aber auch nicht darüber sprechen. Ich habe den Eindruck, dass es in unserer Gesellschaft eher als negativ, schräg oder lächerlich gesehen würde. Eine solche Peinlichkeit erspare ich mir lieber.

3. Frage

Wie beeinflusst diese Tatsache dein Verhältnis zu Frauen?

Dadurch, dass ich noch nie Sex hatte, bin ich sehr unsicher, ob ich überhaupt gut wäre im Bett. Mir fehlt an dieser Stelle also die Übung und das Selbstbewusstsein, das sich die meisten Männer in meinem Alter seit über 10 Jahren angeeignet haben. Und mir fällt es schwer, mich auf eine Frau einzulassen und den nächsten Schritt zu gehen. Ich habe häufiger Dates. Und auch ein zweites und drittes Date. Oder einfach Freundinnen bei denen ich spüre, dass da mehr zwischen uns sein könnte. Aber ich wage es nie, den nächsten Schritt zu gehen. Das liegt größtenteils daran, dass ich mich nicht festlegen möchte, aber auch daran, dass ich etwas Angst vor ihrer Reaktion habe, wenn ich ihr das erzählen würde. Ich habe solche Erfahrungen leider schon gemacht (siehe Frage 8).

Mein „Verhältnis zu Frauen“ wie du hier fragst, kann man also insgesamt so beschreiben, dass ich zwar viele Frauen in meinem Umfeld habe und sie mich auch schätzen und mögen, ich aber dadurch, dass ich anscheinend mit keiner meiner Körperzellen die Lust auf Eroberung und Sex ausstrahle, zumeist nur in der „Friend Zone“ lande ;) Ich bin also nicht der Typ, der den ersten Schritt macht. Ich bin mir aber darüber im Klaren, dass das auch heute noch vom Mann erwartet wird. Hier kann die Emanzipation von mir aus gerne den nächsten Schritt machen und auch Frauen hervorbringen, die selbst das Heft in die Hand nehmen, wenn es um den nächsten Schritt geht ;)

4. Frage

Gibt es einen bestimmten Grund dafür, dass du es noch nicht getan hast? Bist du religiös, sprich kein Sex vor der Ehe? Oder war die passende Frau einfach noch nicht dabei?

Haha. Diese Frage hätte ich als allererste erwartet ;) Das ist tatsächlich gar nicht so einfach zu erklären. Ich denke, angefangen hat es damit, dass ich in der Schule sehr schüchtern war und keinerlei Selbstbewusstsein hatte. Die Folge war, dass sich die Mädchen, die ich toll fand, nicht für mich interessiert haben. Einfluss hatte aber auch mein damals bester Freund, der bereits als Teenager seine Freundinnen in der Frequenz wechselte wie ich meine T-Shirts. Ich habe darin einfach keinen Sinn gesehen und habe deshalb mehr Abstand zu dem Thema Freundin genommen. Er war also schon so eine Art abschreckendes Beispiel.

Zu Anfang meines Lebens, so ca. bis 21 Jahre, war es also eher so, dass ich wohl schon eine Freundin und/oder Sex wollte, aber nicht bekommen habe (aufgrund der o.g. Unsicherheit, Schüchternheit etc.). Seit einigen Jahren hat sich das etwas gewandelt. Nun ist es eher ein „Ich könnte, aber will nicht.“ Ich bin heute viel offener und selbstbewusster als damals und gehe auch offen – auch flirtend – mit Frauen um und werde auch gemocht von Frauen. Ich hatte mittlerweile einige „Gelegenheiten“ an meinem Status Jungfrau etwas zu ändern. Es gab mittlerweile einige Frauen in meinem Leben, die an mir interessiert waren. Aus einem Grund, den ich mir selbst nicht ganz erklären kann, war ich es aber der dankend abgelehnt hat. Es ist für mich ein spiritueller Punkt hinzugekommen. Ich würde nicht von religiös sprechen. Kein Sex vor der Ehe ist nicht mein Motto, nein. Aber es ist schon eine spirituelle und tugendhafte Einstellung daraus geworden, dass ich mich für „die Richtige“ aufsparen möchte. Das führt aber leider dazu, dass ich sogar noch wählerischer werde. Jetzt überlege ich halt bei jeder, die ich kennenlerne, zweimal darüber nach, ob sie wirklich die Richtige ist, ob sie diejenige ist, der ich meine Jungfräulichkeit schenken möchte. Das hat schon was von einem Teufelskreis ;) Je länger ich warte, umso mehr sage ich zu mir selbst: Jetzt wird es erst recht zu etwas Besonderem mit einer Frau zu schlafen. Jetzt muss ich erst recht auf die Richtige warten.

Und diese Art des Wählerischseins führt dazu, dass die Richtige tatsächlich noch nicht dabei war, ja.

5. Frage

Hattest du schon mal den Gedanken, zu einer Prostituierten zu gehen oder auf einer Party irgendeine aufzureißen, nur, um den Status der Jungfrau loszuwerden oder machst du dir generell eher wenig Gedanken darüber, dass du noch nie Sex mit einer Frau hattest?

Ja, der Gedanke ist schon ein paar mal aufgekommen. Auch zu einer Prostituierten zu gehen, ja. Aber den Gedanken habe ich schnell verworfen, da ich in meiner Situation keineswegs verzweifelt bin, weil einfach keine abbekäme oder so. Im Gegenteil: Es gab ja, wie oben beschrieben, Möglichkeiten. Und ich bin jetzt auch nicht besonders unattraktiv. Daher denke ich nicht, dass ich einer Frau Geld dafür zahlen müsste, damit sie mit mir schläft. Wenn überhaupt müsste es andersherum sein ;) Ich gebe schließlich meine Jungfräulichkeit her ;)

Ab und an keimt auch jene Entschlossenheit auf, heute auf einer Party mal nicht alleine nach Hause zu gehen. Im Laufe des Abends kehrt aber meine Rationalität zurück, trotz des Alkohols ;)

Und dann erkenne ich entweder in keiner der Frauen die Richtige für mich, oder ich ziehe es vor, Nummern auszutauschen und sich erstmal kennenzulernen, bevor man in die Kiste springt. Ja, du hast richtig gehört: Ich als Mann vertrete diese Einstellung ;)

6. Frage

Möchtest du überhaupt irgendwann mal Sex haben oder nimmt das keinen großen Stellenwert in deinem Leben ein bzw. würdest du auch glücklich sterben, solltest du diese Erfahrung nicht gemacht haben?

Ja, doch. Ich möchte schon Sex haben. Ich träume nachts davon. Der Gedanke in einem abstürzenden Flugzeug zu sitzen, auf den Tod zurasend, ohne zu wissen wie es ist mit einer Frau zu schlafen, wäre schrecklich. Ich möchte nicht als Jungfrau sterben ;)

Aber dennoch: Sex nimmt in meinem Leben tatsächlich keinen großen Stellenwert ein. Ich habe bislang ein tolles und glückliches Leben geführt, mit guten Freunden, einer tollen Familie, großartigen Reisen und Begegnungen mit tollen Menschen. Sex mit einer Frau wäre die Kirsche auf der Torte. Aber auch ohne bin ich ein lebensfroher Mensch und werde das auch bleiben.

7. Frage

Was nervt dich am meisten daran, Jungfrau zu sein? (Sollte es dich überhaupt nerven ...)

Mich nervt an mir selbst meine daraus resultierende Unsicherheit und Unentschlossenheit (siehe Frage 3 & 4). An der Gesellschaft nervt mich, dass das Thema weitgehend tabuisiert ist und man Gefahr läuft, dafür ausgelacht zu werden, wenn man jemandem davon erzählt. Ansonsten belastet mich das eher wenig und ich bin und bleibe ein positiver Mensch. Ich mag mich wie ich bin und viele andere tun das auch.

8. Frage

Hast du es schon erlebt, von einer Frau abgelehnt worden zu sein, aufgrund dessen, dass du Jungfrau bist?

Ja, das ist schon ein paar mal vorgekommen. Sie suche jemand Erfahrenen, der weiß wo es lang geht und weiß, was er will und sie habe keine Lust die Nachhilfelehrerin zu spielen, war eine der Reaktionen. Von einer anderen Dame habe ich bei einem Kaffee daraufhin ein Lachen gefolgt von einem „Ernsthaft?“ geerntet. Ich lasse mich davon nicht entmutigen. Ich stehe darüber. Wenn diese Damen so denken, dann passen sie eben nicht zu mir. Haken dran. Interessant finde ich dabei aber, dass gute Freundinnen, mit denen ich darüber spreche, mir versichern, sie würden das überhaupt nicht schlimm finden und mich so nehmen wie ich bin. Aber wenn eine Frau dann mal wirklich vor diese Wahl gestellt wird, dann wollen sie oft doch lieber den erfahrenen Schürzenjäger mit Macho-Allüren. Ich habe den Eindruck, dass manche Frauen sich da auch irgendwie was vorlügen und selbst nicht so recht wissen was sie wollen.

9. Frage

Möchtest du abschließend noch ein paar Worte zu dem Thema mitteilen, die dir wichtig sind?

Ich habe das Gefühl, dass Sex in unserer Gesellschaft überbewertet wird. Für mich zumindest sind es viele andere Werte, über die ich mich definiere als über die Anzahl der Frauen, die ich im Bett hatte oder die Summe der Minuten/Stunden die ich als Mann „durchhalten“ kann im Bett. Aber ich respektiere natürlich die Einstellung, mit der die meisten anderen an die Sache herangehen. Jeder soll so leben wie er möchte. Was ich mir aber wünschen würde, wäre mehr Toleranz anders Denkenden gegenüber und, dass wir unsere Mitmenschen nicht so schnell in irgendeine Schublade stecken. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn ich jemand Fremdem ohne weitere Informationen erzähle, dass ich mit 29 noch Jungfrau bin, dass ich schnell in eine Schublade gesteckt werde. Ich bin aber kein Mensch, der in nur eine Schublade passt. Ich bin vielseitig, tiefgründig und weltoffen. Und das sind viele andere in unserer Generation auch. Es gibt viele Einflussfaktoren, die mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich bin. Und ich hoffe, dass meine Antworten im obigen Interview einen Teil davon vermittelt haben. Meine Bitte an unsere Gesellschaft wäre also: Lasst uns Schubladen-Denken vermeiden und stets versuchen, den ganzen Menschen in einer Person zu sehen.

Ich glaube fest an so was wie Seelenverwandtschaft. Und meine Traumfrau ist irgendwo da draußen. Ich bin zuversichtlich, dass das Schicksal uns früher oder später zusammenführen wird.

Dafür lohnt sich das Warten ...

Ich hoffe, dir hat das Interview gefallen. War mal etwas anderes hier in meinem Blog :)

Falls du gerne mal einen Gastbeitrag zu einem Thema, was dir wichtig ist (und natürlich hierher passt), verfassen möchtest, biete ich dir gerne die Plattform dich mitzuteilen. Gerne auch anonym. Genauso gerne auch in Interview-Form.

Schreibe mir einfach eine Mail an katharina_guenther@hotmail.de.

Falls du an Thomas noch Fragen hast, schreibe sie mir gerne per Mail oder unten in die Kommentare, ich leite es gerne weiter bzw. stelle den Kontakt her.

Bis dahin!

Katie

#Gedanken #Akzeptanz #Männer

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